Marlen hatte die größte Dummheit ihres Lebens begangen. Was war nur in sie gefahren?
Sogar jetzt, dreißig Stunden später, war sie nicht sie selbst.
»Marlen, so schlimm ist das nicht.«
»Ich kann mich nicht in der Firma blicken lassen, in ganz Nordhaven nicht mehr.« Mit einem Ruck zog sie die Decke über den Kopf, verhedderte sich und musste sofort niesen. Allergien waren ein Kreuz!
Purple befreite sie aus ihrer misslichen Lage. »Mensch im Himmel, übertreib doch nicht so! Was ist groß passiert?«
Marlen sah zum Fenster und beobachtete einen Regentropfen, der träge die Scheibe hinunterlief.
»Erde an Marlen.« Ihre beste Freundin zischte nah bei ihrem Ohr wie eine Dampflok, die kurz davor war, ihren Geist aufzugeben.
»Nichts wäre geschehen, wenn Christian mich nicht abserviert hätte.« Sie schüttelte den Kopf. »Wir waren das perfekte Match.« Energisch richtete sie sich auf. »Nie gab es Streit, nicht mal eine Diskussion, weil wir ohnehin immer dasselbe wollten. Und er trinkt seinen Kaffee ebenfalls nur mit einem Schuss Milch, niemals mit Rahm.«
»Mensch, Marlen, das ist doch kein Kriterium für eine Ehe. Außerdem trinkst du lieber Tee.«
»Unsere Hochzeit ist seit Monaten geplant.«
»Du hast sie bis ins kleinste Detail berechnet. Sogar die Anzahl der Schokoladetafeln, die das Küchenteam für die Nachspeise benötigen würde.«
Marlen sog tief die Luft ein, zog ihre Beine an und stützte das Kinn auf ihre Knie, ging jedoch nicht auf Purple ein. »Eine bescheuerte Idee, ihn überraschen zu wollen. Weshalb bin ich zu ihm in die Uni gefahren?«
Purple zupfte an ihrem Pullover herum. »Ehrlich, ich hätte es Christian nicht zugetraut.«
»Dass er mich betrügt?«
»Dass er es ist, der erkennt, dass das mit euch langweilig ist.«
»Langweilig?« Sie fuhr hoch. »Was soll das heißen?«
»Wie ein bequemer alter Hausschuh. Man zieht ihn über, aber er eignet sich nicht, um mit ihm irgendwelche spontanen Episoden anzusteuern.«
»Ich war zufrieden damit, wie es war.«
»Du wärst irgendwann vor lauter Eintönigkeit zugrunde gegangen.« Ein kräftiger Schubs brachte Marlen zum Kippen und sie streckte die Beine aus. »Sei froh, jetzt startet dein Leben. Gib es zu, du hattest heute Nacht endlich einmal hervorragenden überdimensionalen brillanten unbeschreiblich fantastischen …«
Marlen sprang auf und hielt Purple den Mund zu. »Sprich es nicht aus.«
Purple riss sich los und formte das Wort geräuschlos mit den Lippen. »Sex.«
Marlens Trancegefühl verschwand, als wäre das Wort der geheime Schlüssel zu ihrer Energiequelle. Ihr Magen schlug Purzelbäume, sie stand auf und eilte in die Küche. »Möchtest du eine Tasse Kräutertee?«
»Lieber Kaffee.«
»Um diese Uhrzeit? Kannst du dann einschlafen?«
»Schlafen? Es ist Wochenende und Marco …«
»Stopp! Ich freue mich, dass mein Bruder und du glücklich seid, aber genau wissen will ich es nicht.«
»Okay, erzähl mir lieber vom smarten Theo. Wie war er? Erfahrung hat er ja genug.«
Marlen spürte in Gedanken seine Finger auf ihrer nackten Haut, das Kribbeln und Prickeln, das Gefühl, ihre Innereien hätten Hände bekommen und streichelten einander, sein warmer Atem, der sich anfühlte wie eine Sommerbrise und seine unendliche Geduld und Sanftheit. Für nichts von alldem fand sie Worte.
»Ah, verstehe, eine Lady genießt und schweigt.«
»Kaffee.« Marlen riss sich aus ihren Gedanken und schaltete die Kaffeemaschine ein. Sie wollte sich nicht eingestehen, dass die Nacht einem magischen Traum unheimlich nahegekommen war. Christian, das bedeutete Dienstag und Samstag oder Sonntag. Dienstag, weil das der einzige Tag war, an dem er am Nachmittag keine Vorlesungen hatte.
Mit dem smarten Theo hatte sie weder an Wochentagen, geschweige denn an sonstige Dinge gedacht. Ihr Gehirn war von anderem erfüllt gewesen, es war, als hätten ihre denkenden Zellen Pause eingelegt.
Und sie hatte es genossen.
»Es war gut, nicht wahr?«
»Penelope!«
»Ah, wenn du mich bei dem Namen nennst, der in meiner Geburtsurkunde steht, dann habe ich ins Schwarze getroffen. Es war nicht gut, es war unbeschreiblich bombig, mega …«
»Stopp!« Marlen hob die Hand. »Okay, okay, es war …« Sie stellte eine Tasse unter die Kaffeemaschine und füllte Wasser in den Wasserkocher.
»Was jetzt?«
»Ein Erlebnis.« Ihre Wangen fühlten sich heiß an.
»Was genau ist dein Problem?« Purple holte die Milch aus dem Kühlschrank, das Zischen der Kaffeemaschine gab Marlen Zeit für eine Antwort.
Es war nur Purple, die Freundin seit dem Kindergarten. Dass sie ihren Bruder Marco geheiratet hatte, spielte keine Rolle.
Tat es doch. Weil Marlen nicht wollte, dass Marco alles brühwarm erfuhr. Und Purple und Marco, das war eine Einheit. Sie verständigten sich durch Blicke und Gesten, transportierten Wagenladungen von Emotionen nur mit ihren Augen.
Genau das hatte ihr bei Christian gefehlt. Aber schließlich war das Leben kein immerwährender Pott des Vergnügens, Kompromisse waren bei Marlen an der Tagesordnung.
»Es hat sich geändert.«
»Was?«
»Seit du mit Marco verheiratet bist, teilst du alles mit ihm.«
»Er ist dein Bruder.«
»Eben. Ich will nicht, dass mein Bruder über mein Intimleben Bescheid weiß.« Sie reichte Purple die gefüllte Kaffeetasse, der Duft stieg ihr in die Nase.
Wie oft hatte sie Kaffee für Christian zubereitet. Stopp, weg damit.
»Du denkst, ich plaudere sämtliche Dinge, die du mir im Vertrauen erzählst, aus?« Purple zog ihre Nase in ihrer charakteristischen Weise hoch, nahm die Tasse und ging mit geradem Rücken ins Wohnzimmer zurück.
Marlen goss das kochende Wasser in ihre Keramikteetasse. Ihre Lieblingstasse, obwohl ein kleines Eck vom Rand abgesplittert war. Egal, sie trank von der anderen Seite. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um zu den Teebeuteln zu gelangen, die Packung glitt ihr aus den Händen und die Päckchen verteilten sich auf dem Boden.
Rasch bückte sie sich, um die Ausreißer einzusammeln, da passierte es: Tränen stürzten wie aus einer Wasserleitung über ihre Wangen, sie hockte sich auf den Boden und schlug die Hände vors Gesicht.
»Marlen!« Der entsetzte Aufschrei ihrer Freundin drang nur gedämpft zu ihr, dann kniete Purple neben ihr und umarmte sie. »Komm, setz dich auf die Couch, ich bringe dir deinen Tee.«
Der Weinanfall ebbte ab, Marlen ließ sich von Purple zur Couch führen. In ihrem Inneren rumorte es, als wäre ein Handwerker mit einer Poliermaschine zugange, die ihre Hautinnenseite bearbeitete. Der Begriff »aus der Haut fahren« erhielt eine neue Dimension.
Ausgerechnet ihr, die niemals von ihren Vorsätzen abkam, passierte dieses Dilemma. Ihr, die durchorganisiert war bis ins kleinste Detail, die an alles dachte und das Unmögliche voraussehen konnte und immer einen Plan B, meist sogar C in petto hatte. Sie beherrschte Tabellen und Kalkulationen im Schlaf. Wozu? In einer einzigen Nacht war das Unaussprechliche geschehen.
Sie hatte mit dem smarten Theo geschlafen.
»In gewisser Weise ist es positiv.« Purple sammelte die Teepäckchen auf, räumte die Packung in den Schrank zurück und gab eines in Marlens Tasse. »Warum sind deine Teepäckchen so hoch oben? Du brauchst sie doch jeden Tag.«
»Christian mochte den Geruch nicht. – Und was bitte ist an der Sache positiv?« Marlen nahm ihr die Tasse ab und legte ihre Hände darum.
»Zum Beispiel, dass du deinen Lieblingstee nun dorthin räumen kannst, wo du ihn leichter erreichst.«
Marlen blies in den heißen Kräutertee. Der Geruch von Minze, Melisse und Apfel legte sich angenehm auf ihre Geruchsnerven. »Wäre ich nicht überraschend bei Christian aufgetaucht, dann …« Ein einziges Mal war sie von den vertrauten Plänen abgewichen, mit verheerenden Folgen.
»Wüsstest du bis heute nicht, dass der hochnoble Herr Professor bereits seit Monaten zweigleisig fährt.« Purple griff nach ihrer Kaffeetasse und setzte sich neben Marlen. »Stell dir vor, du heiratest den Kerl und kommst danach dahinter …«
»Er hat mich nicht betrogen.« Mit einem Ruck stellte Marlen ihren Tee auf den Tisch, dabei landeten ein paar Tropfen auf der bestickten Tischdecke.
»Nah dran, nicht wahr?«
»Es war«, sie suchte nach dem richtigen Wort, »beschämend. Sie saßen da nah beieinander, die Köpfe fast ineinander verkeilt. Christian hat gelacht, so habe ich ihn nie zuvor lachen gehört.« Marlen fixierte einen Punkt an der Decke. »Und der Blick von ihm, als er mich gesehen hat. Seine glückliche Miene verschwand von jetzt auf gleich, als wäre ich die sprichwörtlich böse Hexe aus dem Märchen. Es war, als würde er zum Schafott gehen.«
»Und dann?«
»Er hat ihr was zugeflüstert«, Marlen brach ab und nahm einen Schluck. »Sie ist jung, vermutlich eine Studentin. Christian, der das Bürgerliche Gesetzbuch zum Frühstück verschlingt, lässt sich mit einer Studentin ein!« Deutlich sah sie die Szene vor sich. »Er ist aufgestanden, zu mir gekommen. Weißt du, was er gesagt hat? Ich kann dich nicht heiraten, Marlen. Einfach so. Und vor der anderen.«
»Das ist erstaunlich.« Purple kicherte in ihre Kaffeetasse. »Dass der steife pedantische Herr Professor wirklich die Reißleine gezogen hat. Er, dessen Gang mich stets an einen Pfau erinnert, dessen Krawatte wie mit dem Lineal bemessen wirkt und an dessen Anzug sich kein Fusselchen wagt.«
»Übertreib nicht.«
»Entschuldige, aber ich kann ihn mir nicht mit offenem Hemd und entspanntem Grinsen vorstellen. Dass er sein Korsett abgeworfen hat – Respekt.«
»Wer so eine Freundin hat, sollte sich lieber gleich die Kugel geben.«
»Marlen, jetzt erklär mir mal bitte, was dein Problem ist. Christian hat mit dir Schluss gemacht, okay. Aber wenn du in dich gehst, hast du doch selbst schon gemerkt, dass ihr beide keine Chance gehabt hättet, für den Preis zum Traumpaar des Jahres nominiert zu werden. Jeder Tag war minutiös eingeteilt, jede Minute! Ich wette, sogar der Sex hatte fixe Zeiten.«
Marlen verschluckte sich und begann zu husten. Purple nahm ihr die Tasse aus den Fingern und klopfte auf ihren Rücken. »Tut mir leid, offenbar hatte ich recht.«
»Vielleicht war Christian nicht in allen Belangen perfekt, aber …«
»Niemand ist in allen Belangen perfekt. Es reicht, wenn ihr in den bedeutsamen Themen ein Match seid. Die Dinge, worauf es ankommt, verstehst du? Kompromisse klar, aber bei gewissen Bereichen, da darfst du keine Abstriche machen. Merk dir: Beim Sex eine Niete, vergiss ihn.«
»Es gibt Wichtigeres als Sex.«
»Und was war letzte Nacht? Du hast den Kopf verloren, nicht wahr? Du konntest dich zum ersten Mal fallen lassen, hast deinen Körper gespürt und den Verstand ausgeschaltet. Du hast gefühlt.«
Marlen vergrub ihr Gesicht in der Tasse.
»Endlich!« Purple lehnte sich zurück. »Hat nichts Besseres passieren können, als dass du diesen eisernen Professor los bist.«
Sekundenlang war es still.
»Theo wird sich damit brüsten.« Marlen presste sofort ihre Lippen zusammen. Das hatte sie nicht sagen wollen, verdammt.
»Warum sollte er? Schließlich gehören dazu immer zwei.«
»Er scharwenzelt schon seit Monaten um mich herum, alle in der Firma wissen, dass er bald jedes Wochenende eine andere Frau aufreißt. Ich bin eine Kerbe an seinem Bettgestell.«
»Das funktioniert umgekehrt genauso. Warum sollen Frauen nicht zum Spaß Sex haben? Die Zeiten, dass Frauen Jungfrau bleiben mussten, während sich die Männer ein Horn nach dem anderen abstießen, sind vorbei. Du hast das Recht auf ein erfülltes Sexleben.« Purple sah auf ihre Uhr. »Shit, ich muss gehen. Marco und ich sind heute bei meinem Chef eingeladen, ich muss mich noch umziehen. Das wird eine stinklangweilige Sache, seine Frau macht immer auf vornehm. Aber was tut man nicht alles.« Sie umarmte Marlen. »Kopf hoch. Sei froh, dass du Christian los bist und was den smarten Theo betrifft, zeig doch du ihm die kalte Schulter.«
Sommerschneeflocke – Leseprobe
Veröffentlicht am: 11.03.2025
in Allgemein, Lesen | Schlagwörter: Leserpobe, liebesroman, neu, Sommerschneeflocke
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