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Mysteriöse Vorkommnisse im Kurheim
Eine ermordete Journalistin
Ein Chefinspektor undercover in tödlicher Gefahr
Kapitel 4 (Leseprobe)
Sabine Hartmann rekelt sich nackt in Victors Armen. Sie sind in seinem Büro, das er auch als Untersuchungsraum für die Patienten nutzt. Es gibt einen Schreibtisch, Schränke, eine Liege, die mit weißen Laken bedeckt ist, und das bequeme breite Sofa, auf dem sie kurz zuvor noch ihrer Leidenschaft gefrönt haben.
Schon bald nach ihrer Einstellung hat sie begriffen, wie sich der Chef hier bereichert. Überraschenderweise hat sie das nicht abgestoßen, sondern angezogen. Sie ist seine Geliebte geworden. Und hat eigene Pläne geschmiedet.
Beinahe hätte diese verkappte Journalistin alles kaputtgemacht. Und selbst ihr Tod wirbelt Staub auf. Heute ist er Tagesgespräch im Naturheilzentrum. Und die Polizei steigt überall herum und stellt Fragen.
Ärgerlich.
»Sie ist tot.« Ihre Hände zittern, sie verschränkt die Finger und versucht, etwas Ruhe zu erlangen. Verdammt, sie muss sich zusammennehmen.
»Pech. Ein Unfall.«
»Es war kein Unfall, die Polizei war doch auch bei dir.«
»Meine Güte, was wissen diese Wald- und Wiesenbullen schon?« Seine Stirn furcht sich, wie immer, wenn er ungeduldig wird. »War es eben Mord. Du wusstest doch, dass sie spioniert hat, anstatt zu putzen.«
»Vermutlich war er es. Dein Neffe hasst dich, weil du ihm niemals die Klinik überlassen wirst. Du musst ihm Einhalt gebieten.«
»Er ist nur ein Welpe, der spielen will.« Victor Schwarz schüttelt den Kopf. »Er hat mit ihr geschlafen, ja. Juckt uns das?«
»Aber nun hat er sie umgebracht.«
»Das glaube ich nicht, warum sollte er das tun?«
»Eifersucht? Wer sonst hätte ein Motiv? Schließlich hast du …«
Victor küsst sie hart auf den Mund und ihr Gehirn ist vernebelt. Erst als er sich löst, schaltet es sich wieder ein.
Hat er keine Angst, dass durch diesen Vorfall seine Machenschaften auffliegen?
»Ich habe ihn vorgestern Nachmittag fortgehen sehen. Obwohl es geschüttet hat. Niemand geht bei diesem Wetter hinaus, wenn er nicht schlechte Absichten hat.«
»Das beweist doch nichts.«
»Die Polizei wird nicht lockerlassen. Sie wundern sich, weshalb eine Reporterin sich als Putzfrau eingeschlichen hat.«
»Sollen sie. Was regst du dich so auf?« Er richtet sich auf. »Oder hast du sie umgebracht?«
»Ich?« Sie starrt ihn entsetzt an. »Warum sollte ich?«
»Du hast es vorhin selbst gesagt. Eifersucht.«
»Unsinn. Außerdem kennst du mich. Bei dem Wetter gehe ich keinen Schritt vor die Tür.«
»Dann konzentrieren wir uns auf schönere Dinge.« Er will sie an sich ziehen, doch sie setzt sich auf.
»Was ist, wenn sie ihre Informationen bereits weitergegeben hat?«
»Was kann sie denn schon gewusst haben?«
Er scheint sich sicher zu fühlen. Sie weiß allerdings, was sich abspielt. Es reizt sie, ihm diese Selbstsicherheit aus dem Gesicht zu schlagen.
Doch noch ist die Zeit nicht gekommen. Er beugt sich über sie und drückt ihren Busen. »Belaste deinen hübschen Kopf nicht mit Dingen, die einfach ihren Lauf nehmen, ob wir es wollen oder nicht.« Der schlanke, groß gewachsene Mann mit dem eisgrauen, aber üppigen Haarschopf ist trotz seines Alters ein Womanizer, das weiß sie. Sie seufzt zufrieden und spürt die langgliedrigen Finger, die auf ihrem Körper spielen können, als wäre er ein Instrument. Und es gelingt ihm immer, ihr Töne zu entlocken, denn er ist ein Virtuose auf dem Gebiet.
Und sie ist ihm mit Haut und Haar verfallen.
Zumindest beim Sex.
Kapitel 24 (Leseprobe)
Toni war zwiegespalten, ob er seine Tarnung aufgeben sollte oder nicht. Im Schwarz-Vital-Naturheilzentrum herrschte Ausnahmezustand. Nach der dritten Leiche ließ sich nichts länger glätten oder vertuschen. Die meisten hier sprachen bereits von einem Serienmörder. Nie zuvor war es im Frühstücksraum so laut gewesen.
»Sollten wir nicht lieber nach Hause fahren? Womöglich sind wir die Nächsten.« Claudia sprach in ihrem theatralischen Tonfall. Toni hätte sein gesamtes Erspartes gewettet, dass dies eine rein rhetorische Frage war. Niemals würde die Dame die Heimreise antreten; sie könnte ja etwas verpassen.
»Warum hat der arme Paul das getan?« Josefas Stirn lag in Falten. So nervtötend sie in ihrer Art war, Toni nachzustellen, so mitfühlend war sie auch. »Ich habe nichts davon bemerkt, dass er depressiv wäre.«
»Laut Oberschwester war er dement«, erklärte ihre Claudia. »Und ein Selbstmord wird bezweifelt, das weißt du doch.«
»Das ist mir nicht aufgefallen.« Josefa schüttelte ihren Kopf, sodass ihr Pagenkopf mitwippte. »Natürlich, er hat ab und zu etwas vergessen, aber, meine Güte, das passiert uns doch allen einmal. Und an Mord will ich auch nicht glauben! Wer tut denn so was? Paul war so ein liebenswerter Mensch.«
»Herr Moser?«
Toni drehte sich um. Schwester Lena eilte auf ihn zu. »Herr Dr. Schwarz möchte gern mit Ihnen sprechen. Sind Sie so lieb und gehen in sein Büro?«
»Natürlich.« Er stand auf.
»Hast du eine Untersuchung?« Josefa sah ihn an.
»Möglich.« Toni glaubte eher, dass der Chefarzt mit ihm über Paul reden wollte. »Bis später, die Damen.«
Langsam stieg er die Treppe hinauf. Dr. Schwarz hatte sein Büro im dritten Stock, die Tür war nur angelehnt und er hörte ihn mit einer Frau streiten.
»Glaub ja nicht, dass ich dir nur einen Cent von meinem Geld überlassen werde.«
»Du hast deinen Standpunkt deutlich gemacht.« Die Stimme des Chefarztes klang ruhig mit einem kalten Unterton.
»Ja, aber ich glaube, du hast es nicht begriffen. Dir wird nichts bleiben, gar nichts. Die Klinik wird jemand anderes übernehmen, der macht vielleicht wieder etwas Lukrativeres draus. Naturheilzentrum, so ein Quatsch! Weiß doch jeder, dass das nichts bringt. Deine Tees kannst du jetzt alle in den Abfluss schütten und …«
»Ute, ich erwarte einen Patienten. Dein Gekeife sollte ihm erspart bleiben.«
»Ach ja? Genierst du dich? Möchtest du nicht, dass sich herumspricht, dass du ein alter geiler Bock bist, der auf alles springt, was nur annähernd weiblich ist?«
»Da meine Frau es vorzieht, in der Weltgeschichte herumzugondeln …«
»Ach, jetzt bin ich schuld? Das ist doch das Letzte!«
Toni klopfte heftig gegen die Tür. Der Ehestreit brachte ihn nicht weiter und er hasste solche Szenarien.
Statt dass die Leute dankbar waren, einander zu haben, stritten sie. Er hätte viel dafür gegeben, würde seine Ilse noch leben.
»Entschuldigung, aber die Tür war offen«, sagte er, um zu signalisieren, dass jeder hätte mithören können. Es war lediglich Glück, dass niemand sonst da war.
»Ah, Herr Moser, kommen Sie herein.« Schwarz schien wenig verlegen, die Frau vor ihm hingegen hatte hochrote Wangen, ob wegen des Streits oder aus Scham, konnte er nicht einschätzen. Sie musste zu ihm aufsehen, reichte gerade bis zu seiner Brust, und flüchtig dachte er, dass ihr das rosafarbene Kostüm nicht vorteilhaft stand. Wie ein Schweinchen wirkte sie. Warum zogen sich manche Menschen dermaßen ungünstig an? Sahen sie nicht in den Spiegel?
»Das ist meine Frau, wir leben in Scheidung«, erklärte Schwarz.
Das war nicht zu überhören gewesen.
»Das tut mir leid.« Toni sagte es trotzdem und sah dabei vor allem die Frau an. »Es muss schwer für Sie sein, eine Trennung ist nie einfach.«
»Ich hätte ihn nie heiraten dürfen.«
»Sind Sie auch Ärztin?«, fragte er rasch, obwohl er die Antwort kannte. Konnte die Frau etwas mit dem Mord an Vanessa Kraut zu tun haben? Eifersucht war ein starkes Motiv.
»Ich bin Historikerin und leite Reisegruppen.«
»Ute, das interessiert meine Patienten nicht.« Schwarz klang gönnerhaft und ungehalten zugleich. »Geh nach Hause, wir besprechen später alles.«
»Im Gegenteil.« Toni bemühte sein charmantestes Lächeln. »Historische Reisen, das klingt hochinteressant. Ich war mal mit Historical Facts in Athen, das war eine meiner schönsten und interessantesten Exkursionen.«
»Wirklich? Ich leite oft Reisen für dieses Unternehmen, vielleicht sehen wir uns mal?«
»Möglich.« Damals mit Ilse hatte er mehr unternommen. Möglicherweise sollte er das wieder tun? Nein, das gehörte der Vergangenheit an.
»Herr Moser, bitte, setzen Sie sich.« Schwarz wies auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. »Und, Ute mach die Tür hinter dir zu.«
»Auf Wiedersehen Frau Dr. Schwarz, hat mich außerordentlich gefreut«, sagte Toni höflich.
»Mich auch. Hoffentlich bis bald.« Die rosa Dame verließ das Büro und Schwarz atmete sichtlich erleichtert auf.
»Tut mir leid, dass Sie das anhören mussten. Meine Frau und ich führen bedauerlicherweise einen Rosenkrieg.« Er ließ sich ebenfalls nieder und verschränkte seine Hände über dem Tisch. »Herr Moser, ich habe gehört, dass Sie heute den armen Herrn Hermann gefunden haben.«
»Das stimmt. Er hat beim Frühstück gefehlt und da habe ich bei ihm geklopft. Die Oberschwester hat das Zimmer aufgeschlossen.«
»Sie hat mir erzählt, dass Sie sofort von einem Mord ausgegangen sind. Darf ich fragen, warum?«
Das überraschte Toni. Er hätte gedacht, dass er als Chefarzt intelligent genug wäre und niemals annehmen könnte, dass der alte Mann dazu in der Lage wäre, sich selbst zu erhängen.
»Paul, also Herr Hermann hätte auf keinen Stuhl klettern können, er hatte zwei Knieprothesen, er konnte seine Knie nicht mehr genug beugen.«
»Manchmal wachsen Menschen über sich hinaus, wenn sie etwas unbedingt wollen. Mir kam Herr Hermann leicht depressiv vor, zudem hatte er einen Verfolgungswahn von Leuten, die es gar nicht mehr gibt.«
»Schwester Ingrid hat es mir erzählt. Ich muss zugeben, dass ich ihm die Sache mit den habgierigen Nichten als Erbschleicherinnen abgenommen habe. Ich glaube aber mittlerweile, dass er diese Story bewusst wählte, weil er mit seiner Trauer nicht umgehen kann, bis heute nicht.«
»Sind Sie Psychologe?« Schwarz hatte seine Augen zu Schlitzen verzogen und wirkte abschätzend.
»Natürlich nicht, nein.«
»Dann sparen Sie sich solche Mutmaßungen, sie stimmen nicht. Herrn Hermanns Demenz war schlicht und einfach weiter fortgeschritten als gedacht. Diese Menschen leben gern in der Vergangenheit.«
»Würde er sich dann seine Nichten nicht als Kinder vorstellen? Sie sind als Mädchen gestorben, waren zwölf und vierzehn Jahre alt, er hingegen sah sie als junge Frauen.«
»Das ist verschieden.« Schwarz winkte ab und Toni wusste, dass er log. Dass er rasch das Thema wechselte, bestätigte dies. »Weswegen glauben Sie noch, dass Herr Hermann sich nicht selbst getötet hat? Das eine ist mal nur eine Mutmaßung, dass Sie es ihm nicht zutrauen.«
»Die Körpergröße. Paul war nicht groß genug, dass er das Seil hätte um den Deckenbalken schlingen können. Er war ungefähr eins fünfundsechzig, selbst auf dem Stuhl stehend wäre es für ihn unmöglich gewesen, den Balken zu erreichen.«
»Das ist auch eine vage Aussage. Er wird es geworfen haben.«
»Vom Stuhl aus?« Toni schüttelte den Kopf. »Stellen Sie sich den alten Mann vor, der auf dem Stuhl, wacklig auf zwei Knieprothesen, ein Seil über den Balken wirft, mehrmals, bis er endlich trifft. Danach muss er es noch fest verknoten, es sich um den Hals legen und springen – nein.«
Schwarz schien zu überlegen, fuhr sich durchs Haar und seufzte. »Ich hatte gehofft, dass es kein Mord wäre.« Er stand auf, schob den Schreibtischstuhl zum Schreibtisch, stellte sich dahinter und stützte sich auf die Hände. »Das Prestige unseres Zentrums geht dahin, ich weiß nicht, wie viel mehr es noch verkraften wird. Erst diese Journalistin, dann unser Hausmeister und jetzt ein Patient. Da ist doch wer dran, der uns den Erfolg neidet!«
»Sie glauben, dass jemand mordet, um Ihrer Klinik Schaden zuzufügen?«
»Ja, momentan kann ich nichts anderes draus schließen. Die Buchungen sind zurückgegangen, die meisten schreiben, sie wollen abwarten, bis alles geklärt ist. Dabei weiß ich gar nicht, wie und wann das sein wird.«
Toni beschloss, sich weiter vorzuwagen. »Wissen Sie, was für ein Gerücht umgeht?«
»Es gehen viele um, auf welches spielen Sie an?« Er zog den Stuhl wieder zurück und setzte sich.
»In den letzten Jahren gab es einige Todesfälle in Ihrem Zentrum. Statistisch gesehen fällt es auf.«
Schwarz’ linke Augenbraue zuckte, sonst blieb er ruhig. »Ich würde sagen, dass dies schlicht und einfach Pech war. Zu uns kommen hauptsächlich ältere Menschen, wie in jedem Kurheim. Unser Durchschnittsalter ist fünfundsiebzig. Die meisten, die hierherkommen, haben Vorerkrankungen, teilweise sind sie schwer beeinträchtigt. Und ein bis zwei Todesfälle im Jahr, da kann man jetzt nicht von einer Serie sprechen. Darf ich fragen, woher Sie Ihre Informationen haben? Gibt es da eine Statistik, von der ich nichts weiß?«
»Es stand im Internet, und zwar von der Zeitung, für die Vanessa Kraut gearbeitet hat«, sagte er glatt. »Ich nehme an, das war der Grund, weshalb sie sich hier eingeschlichen hat.«
Toni spürte, dass Victor Schwarz wieder selbstsicher wurde. Er schlug die Beine übereinander und lehnte sich zurück. »Mir ist es ein absolutes Rätsel, was die Dame hier zu finden erhofft hat. Als ich erfahren habe, dass sie Journalistin war, war mein erster Gedanke, dass sie eine Art Industriespionage betrieben hat und hinter die Rezepte unserer Tees und Kräutermischungen kommen wollte.«
»Ah, Ihre Mischungen.« Toni rutschte auf seinem Stuhl nach vorn. »Kann es sein, dass da andere Zutaten drin sind? Außer Kräutern meine ich?«
»Was denken Sie!« Victor ordnete seine Beine und richtete sich auf. »Unterstellen Sie mir Betrug? Dass ich mit natürlichen Methoden werbe und den Patienten Drogen unterschiebe?«
»Ihr Hausmeister hat vermutlich mit Drogen gehandelt.«
»Cannabis, ich bitte Sie! Das sind doch keine Drogen!«
Toni machte sich eine geistige Notiz, dass Schwarz offenbar nicht mehr abstritt, dass der Hausmeister Cannabis angebaut hatte.
»Und Paul, also Herr Hermann, war überzeugt davon, dass Ihre Tees nicht astrein sind. Daher hat er sich geweigert, sie zu trinken.«
»Und deswegen glauben Sie, hätte ich ihn umgebracht?« Schwarz schlug mit der Hand auf den Tisch. »Jetzt gehen Sie zu weit!«
»Das haben Sie gesagt.«
»Ich denke, wir überlassen die Untersuchungen der Polizei. Auch wenn Sie sich aufführen wie bei einer Inquisition, so sind Sie kein Ermittler.«
»Sie haben mich gefragt.«
Der Arzt stand auf. »Danke für das informative Gespräch. Sie haben natürlich das Recht auf Ihre Meinung.«
»Ich liebe Krimis.« Toni grinste. »Und in den meisten Fällen finde ich den Mörder heraus.«
»Das ist bei Krimis im Fernsehen nicht so schwer. Oft sieht man ja die Perspektive des Mörders.« Es klang abfällig. »Ich schaue mir das triviale Zeug nicht an.«

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