Liebe passt in jedes HerzEin Schluck Liebe 1
»Was denkt ihr, weshalb ausgerechnet der Apfel dazu in der Lage war, Eva im Paradies zu verführen? Keine andere Frucht lässt sich mit ihm vergleichen.«
Aus den Aufzeichnungen von Edwin Schluck, 1915
Christine arbeitet mit Feuereifer für das Familienunternehmen »Schluck-Säfte«. Sie ist am Boden zerstört, als ihr eigener Vater ihr den verdienten Abteilungsleiterposten verweigert und stattdessen einen Fremden einstellt.
Während die Schluck-Familie auseinanderzubrechen droht und sogar das Schicksal des Unternehmens auf dem Spiel steht, reist Christine nach Sylt und bezieht eine Ferienpension, um Ärger und Sorgen für eine Weile zu vergessen. Dort trifft sie auf den attraktiven Philipp Degenhardt, der ihr durch Verhandlungen innerhalb der Firma gut bekannt ist, zudem hat er seit einer Weile ein Auge auf sie geworfen. Auch Christine fühlt sich zu ihm hingezogen, und so kommen sich die beiden schnell näher. Doch die aufkeimende Liebe der beiden steht unter keinem guten Stern, denn Philipp hat ein Geheimnis, das nicht nur Christine, sondern auch »Schluck-Säfte« zum Verhängnis werden könnte.
»Liebe passt in jedes Herz« ist der Auftakt der Ein-Schluck-Liebe-Reihe: Packend, gefühlvoll, überraschend.
Leseprobe
Kapitel 5
»Unser Saft muss der König unter allen Säften werden.«
Aus den Aufzeichnungen von Edwin Schluck, 1915
Christine
Überrascht hörte Christine Geräusche aus Alexanders Büro. Durch die halb offene Tür sah sie ihren Bruder am Schreibtisch sitzen.
Sie stieß die Tür ganz auf und trat ein. Den Kopf in beide Hände gestützt, neben sich eine offene Aktentasche, bot er ein Bild des Jammers. In ihr krampfte sich alles zusammen.
»Was ist los?« Mit wenigen Schritten überbrückte sie die Distanz und legte ihm die Hand auf die Schulter.
Er hob den Kopf, sein Blick wechselte von Verzweiflung zu Wut, während er sie abschüttelte und aufsprang. »Tu nicht so unschuldig.«
Sein Wutausbruch kam unerwartet und passte so gar nicht zu ihm. Alexanders sonst helle Augen wirkten dunkel und funkelten sie an. So aufgelöst hatte sie ihn noch nie erlebt, meist war er in sich gekehrt und abwesend, irgendeine Melodie im Kopf.
»Hast es endlich geschafft, mich bei Papa madig zu machen.«
»Wie bitte?« Was war geschehen? »Ich habe echt keine Ahnung.« Es war, als ob ein Fremder vor ihr stünde.
»Papa hat mich fristlos entlassen«, sagte er mit tränenerstickter Stimme. »Er hat mich heute zu sich zitiert und mich genau nach dem Vertrag mit den Fröhling-Märktenausgefragt.«
»Hast du das Ganze nicht wenigstens durchgelesen? Ich habe es dir doch extra gemailt.«
»Ich musste zu den Proben. Eventuell interessiert sich ein großer Musikproduzent für meine Lieder. Daher hatte ich kaum Zeit und habe die letzten Tage an der instrumentalischen Umsetzung gearbeitet.«
»Das wäre ja toll.« Es klang lahm, aber in ihrem Kopf spulte sich bereits ab, was Alexanders Kündigung für sie bedeuten würde.
»Okay, ja, ich hab’s vermasselt«, kam es ungewohnt scharf von Alex. »Doch ist das ein Grund, gleich zu Papa zu rennen und mich anzuschwärzen?«
»Ich schwöre, das habe ich nicht getan …«
»Wer sonst hätte ein Interesse an meinem Posten? Ich weiß schließlich, wie heiß du darauf bist, hier alles an dich zu reißen.«
»Das stimmt nicht.« Sie trat zu ihm und legte den Arm um ihn. »Alex, wir waren doch immer eine Einheit.«
Er schwieg und für einen Moment tauchte Christine in längst vergangene Tage ein … im Sonnenlicht tanzten Staubkörnchen, Spinnennetze glitzerten. Sie saßen zu dritt auf dem Dachboden der alten Familienvilla. Alex, zu dünn und schlaksig für seine elf Jahre, Jacqueline, siebenjährig, pummelig, ihren schmuddeligen Teddy in der Hand, und sie selbst. Sie hatte Mamas Nachthemd angezogen, das mit den Spitzen. Wenn sie stand, schleifte es auf dem Boden, doch sie achtete darauf, dass dies nicht passierte. Sie musste nur ganz tief ihre Nase in das Hemd hineinstecken, dann roch sie Mamas unvergleichlichen Duft nach Sommerblumen und Marzipan.
Rasch verdrängte Christine die Bilder. Sie war nicht mehr neun, sondern siebenundzwanzig.
»Viel Spaß als neue Abteilungsleiterin«, biss er sie an und schüttelte sie ab. Er öffnete eine Schreibtischschublade und warf einen Stapel Papiere in die Aktentasche. Es waren Notenblätter, teilweise beschrieben und bekritzelt. Alex hatte offenbar sogar in der Firma nur an seinen Kompositionen gearbeitet. Auch aus der zweiten Schublade holte er einen Stoß Blätter, verschloss die Tasche und ging an ihr vorbei.
Sie hielt ihn am Ärmel zurück. »Ich habe wirklich nichts zu Papa gesagt.«
Er sah zu Boden. »Tut mir leid. Das weiß ich doch. Aber ich habe keine Ahnung, wovon ich nun leben soll.«
Erleichtert, dass er einlenkte, fragte sie: »Willst du nicht noch mal mit Papa reden?«
»Hat doch keinen Zweck.«
»Warum? Er regt sich bestimmt wieder ab. Du weißt doch, wie er ist.«
»Nein. Selbst wenn, ich habe keine Lust auf das hier. Ich will Musik machen. Die Arbeit habe ich nur für die Kohle gemacht.«
»Hast du nicht gespart?«
»Nicht so viel. Ich habe in unsere Band investiert.«
»Du musst kämpfen, es immer wieder bei Musikagenturen versuchen.«
»Toll, dass du dich so gut auskennst.« Es klang eher resigniert als sarkastisch. Mit hängenden Schultern schlurfte er zu Tür.
»Glaub jetzt mal an dich«, sagte sie sanft. »Du musst überzeugt sein von dem, was du tust.«
Mit Schwung drehte er sich um und rief: »Du hast keine Ahnung, wie schwer das in der Branche ist. Wie zahlreich die Menge an Musikern ist, die da hochkommen wollen, und wie rücksichtslos und egoistisch sich die meisten vordrängen!«
»Ist das so?« Seine Worte »Du hast keine Ahnung« triggerten sie. »Das ist mir komplett neu. Vor allem, weil das in der schnöden Geschäftswelt völlig anders ist. Da fliegen einem die gebratenen Tauben in den Mund, besonders mir als Frau.«
»Reg dich ab, so habe ich es nicht gemeint.«
»Warum sagst du das dann? Alex, wenn du was erreichen willst, musst du hart arbeiten. Das gilt für jeden Bereich des Lebens, also sag mir nicht, dass ich keine Ahnung habe.«
Sein Mund öffnete sich, als wollte er etwas erwidern, doch dann drehte er sich um und verließ den Raum, ohne noch ein Wort zu sagen.
Christine trat ans Fenster. Alexanders Büro war ein Eckzimmer und bot einen Blick auf die Apfelplantagen.
Ein Räuspern ließ sie herumfahren. »Wird das nun dein Büro?« Nele stand in der Tür.
»Also hast du es schon gehört.«
»Ja, es wird schnell die Runde in der Firma machen.«
Christine musste nicht fragen, wer das geklatscht hatte. Wollte man etwas unter die Leute bringen, dann war Nele die richtige Ansprechperson. Ihr Blick musste Bände sprechen, denn die Sekretärin zog eine Schnute.
»Er hat es mir selbst gesagt, also dachte ich …«
»Schon gut. Es lässt sich ohnehin nicht geheim halten.«
»Eben.«
Christine bemerkte, dass eins der Notenblätter auf den Boden gefallen war, bückte sich und hob es auf. Sie wusste nicht, ob das Gekritzel darauf wichtig war, aber sie würde es Alex bringen.
»Und du sollst zum Chef.«
»Sag das doch gleich«, schnauzte Christine sie an, »manchmal bist du wirklich unmöglich, Nele.«
Ihr Vater wartete nicht gern. Rasch machte sie sich auf den Weg in den anderen Flügel des Gebäudes.
Tatsächlich hatte sie bereits vieles von Alexanders Job übernommen, aber seinen Weggang hatte sie nie gewollt. Irene war nicht an ihrem Platz, daher klopfte sie sofort an die Tür des Direktors.
»Herein«, ertönte die tiefe Stimme ihres Vaters.
Er saß aufrecht an seinem großen Schreibtisch aus dunkler Eiche, der noch aus Zeiten ihres Großvaters stammte. Vaters kantige Züge wirkten um einiges ernster als sonst, sie hatte ihn nur selten lachen gesehen.
»Schließ die Tür.«
Zögernd trat sie näher, der schroffe Tonfall lähmte sie. Sie setzte sich ihm gegenüber, der massige Schreibtisch verstärkte das unangenehme Grummeln in ihrem Magen.
»Ich nehme an, du weißt schon, dass ich Alexander kündigen musste.« Die steilen Falten vertieften sich zu Gräben mitten in seiner Stirn. Sie öffnete den Mund, doch er hob die Hand. »Ich will nichts hören. Du hättest mit mir sprechen müssen, statt deinem Bruder den Rücken freizuhalten.«
Sie schluckte.
»Hat es dir die Sprache verschlagen?« Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Christine, ich weiß, dass du dein Bestes gibst. Aber du bist noch Anfängerin in der Branche. Nicht auszudenken, wenn etwas schiefgehen würde.«
Christine spürte, wie die vertraute Hitze in ihr aufstieg, die sie schon so oft zu unüberlegten Handlungen verleitet hatte. »Papa, ich bin gut im Job, deswegen hat Alex auch mir so viel überlassen können. Sieh mal, er möchte im Musikgeschäft durchstarten …«
»Nun, dazu hat er jetzt die Möglichkeit.« Er zuckte mit den Schultern. »Und wir müssen einen Nachfolger für ihn einstellen.«
»Du meinst, eine Assistenz für mich?«
Er hob den Kopf. »Christine, bei aller Liebe, aber für so einen verantwortungsvollen Posten bist du noch nicht gerüstet.«
»Alex war jünger als ich, als du ihn zum Verkaufsleiter gemacht hast.«
»Ja, und nun sieh, was dabei herausgekommen ist. So einen Fehler mache ich kein zweites Mal.«
»Ich bin komplett anders.«
»Das weiß ich, Christine. Und deine Zeit wird kommen, glaube mir. Aber noch hast du viel zu lernen, als Frau …«
»… natürlich, wieder diese Leier.« Sie lehnte sich zurück und verschränkte die Arme.
Er hob die Hand. »Lass mich ausreden. Als Frau braucht man mehr Durchsetzungsvermögen im Geschäftsleben, das ist leider immer noch so.«
Nun schlug sie mit der flachen Hand auf die Tischplatte, eines der Fotos fiel um. »Das ist ein Vorurteil.«
Ihr Vater stellte ruhig das Bild wieder auf. »In ein paar Jahren wirst du mich verstehen. Und tatsächlich habe ich schon Ersatz für Alexander gefunden.«
Das nahm ihr fast die Luft weg, sie rutschte auf ihrem Stuhl nach vorn. »Ich habe die gesamte Arbeit gemacht und mehr als bewiesen, dass ich es kann. Und ich brenne für unsere Firma, seit ich ein kleines Kind war, das weißt du. Niemand hat sich so für Schluck-Säfte interessiert wie ich. Außerdem …«
»Jetzt mach mal halblang, Christine! Du willst es einfach nicht verstehen in deinem Trotz. Ich kann dir nicht so eine große Befugnis übergeben, das geht nicht und das musst du einsehen. Nicht alle Verhandlungspartner sind angenehm, da braucht es ein wenig mehr Widerstandskraft.«
»Und ich bin schwach und unfähig, ja?« Was bildete er sich ein? »Ich bin die Beste für diesen Job, niemand wird sich für die Firma so den Arsch aufreißen wie ich.«
»Jetzt werde nicht ordinär.«
Sie hasste seinen eisig ruhigen Tonfall, der die Umgebung zum Gefrierpunkt bringen konnte. »Ich arbeite nicht unter einem neuen Abteilungsleiter!«, brüllte sie unbeherrscht.
»Willst du nicht einmal wissen, wer es ist?«
»Nein. Ich kündige.«
Langsam stand er auf, musterte sie fast amüsiert. »Du benimmst dich unreif und kindisch, das zeigt mir nur umso mehr, dass du mit der Leitung überfordert wärst.«
»Du hast mir noch nie etwas zugetraut.« Zu ihrem Entsetzen spürte sie Tränen aufsteigen.
»Natürlich weiß ich deine Arbeitskraft zu schätzen. Es ist ebenfalls löblich, dass du für Alex die Kastanien aus dem Feuer geholt hast.« In seinem Tonfall lag ein Hauch Wärme. »Ich weiß, dass ich euch Kindern nach Mamas Tod nicht der beste Vater war …« Kurz brach er ab und sie sah ihn schlucken. »Aber ihr bedeutet mir trotzdem viel. Und deine Zeit hier in der Firma wird kommen.«
»Ich kann und will nicht unter einem neuen Chef arbeiten, der womöglich alle meine Konzepte wieder über den Haufen wirft. Ich räume das Feld.« Ärgerlich wischte sie eine Träne fort. »Ich habe noch Wochen an Urlaub gut, einen Haufen Überstunden, sodass ich sofort verschwinden werde.«
»Das ist wirklich kindisch.« Es klang scharf. »Du fliehst und lässt die Firma, die du angeblich so liebst, im Stich. Das ist keine Loyalität.«
»Die hast du auch nicht verdient, Vater.«
Er presste die Lippen zusammen und setzte sich wieder. »Dann geh.«
Steif ging sie zur Tür. Niemand sollte sehen, dass ihre Welt gerade in Millionen Teile zerbrach. Hinter ihr blieb es still und dieses Schweigen schnitt tief in ihr Herz. Hatte sie erwartet, ihr Vater würde sie zurückrufen?
Weit gefehlt.
Erst als sie die Tür öffnete, hörte sie ihn. »Ob du es glaubst oder nicht, ich habe nur dein Bestes im Sinn. Wenn du eine Nacht darüber geschlafen hast, wirst du einsehen, wie unreif und töricht du dich jetzt verhältst.«
Weshalb glaubte ihr Vater, er wüsste, was ihr Bestes wäre?
Sie liebte Schluck-Säfte. Immer schon war ihr klar, dass sie Teil der Firma war und bleiben wollte. Unter Alexander hatte es ihr nichts ausgemacht, die zweite Geige zu spielen. Schließlich hatte er ihr freie Hand gelassen. Und sie hatte es geliebt, Chefin zu sein, selbstständig Entscheidungen zu treffen und ihrem Bruder die Details lediglich zur Unterschrift vorzulegen.
Nele guckte ihr erwartungsvoll entgegen. »Wann soll ich die Teambesprechung nächste Woche ansetzen?«
»Das musst du meinen Nachfolger fragen. Sag Tobias Bescheid, er ist momentan der erste Mann hier, bis ein neuer Chef kommt.«
»Du gehst?« Das Mädchen riss die Augen auf. Ihre Frisur, heute waren es abstehende Zöpfchen, unterstrich ihren aufgelösten Zustand. »Aber …«
Christine ging in ihr Büro, schloss die Tür hinter sich und atmete durch. Sie musste Ordnung in ihr inneres Chaos bringen. Urlaub! Einfach weg von hier. Aber Rico lernte für seine Abschlussprüfung, das Timing war schlecht.
Sollte sie allein wegfahren? Sie war seit Jahren kaum verreist. Das war eigenartig, wenn man bedachte, dass sie ein Team von Verkäufern angeführt hatte, die in ganz Deutschland Schluck-Säfte anboten. Alexander war hin und wieder zu Großabnehmern gefahren, sie selbst hatte das nur selten getan.
Es klopfte und Tobias stürmte ins Zimmer. Er war bereits lange in der Firma und einer ihrer besten Verkäufer. »Was höre ich da? Alex ist weg und du gehst auch?«
»Alles gut, Tobias. Mein Vater hat schon einen Nachfolger für Alex. Momentan läuft es, die wichtigsten Verhandlungen sind abgeschlossen. Du kriegst das die nächsten paar Wochen hin.«
Tobias trat zu ihr. »Ohne dich wird es mühsam.« Seine dunklen Augen blickten traurig. »Du wirst mir fehlen.«
»Danke.« Sie quälte sich ein Lächeln ab. »Leider meinem Vater nicht.«
Es war mitten am Vormittag, als sie in der Villa ankam.
Rico musste allein sein, Stefanie half im Apfelglück aus, seit ihre Tante krank war, und Lilly war in der Schule.
Fast hatte sie ein schlechtes Gewissen, dass sie Rico vom Lernen abhielt.
Rico! Was würde er überhaupt zu ihrer Kündigung sagen? Sie könnten gemeinsam woanders hingehen, jetzt war sie ja frei. Und als Lehrer fand er überall eine Anstellung, die wurden dringend gesucht. Sie würde ihn zum Mittagessen entführen und ihn danach in Ruhe lernen lassen.
Überraschend empfing sie Lärm, als sie ihre Wohnung aufschloss. Wieder einmal.
Erstarrt verharrte sie im Wohnzimmer. Mehrere Bierflaschen lagen auf dem Boden, Rico saß mit drei unbekannten Männern am Tisch, die Laptops vor sich. Kurz dachte sie, dass sie gemeinsam arbeiteten, aber die Geräusche sagten ihr etwas anderes. Offenbar spielten sie irgendein Computerspiel.
»Ich dachte, du lernst?« Als sie sich in der Früh verabschiedet hatten, war dies seine Ansage gewesen.
»Chrissy!« Er hob seine Hand, seine Augen wirkten glasig. War er morgens um zehn Uhr bereits betrunken?
Da fiel ihr das weiße Pulver auf, von dem Spuren auf dem Tisch zu sehen waren. »Kokst du etwa?« In ihrem Kopf wirbelten die Gedanken so rasch, dass sie keinen fassen konnte.
Wieder dieses schräge Grinsen. »Nur ein wenig, gegen den Stress. Du hast ja keine Ahnung, wie viel Stoff ich zu bewältigen habe.«
»Machen wir weiter«, kam es von dem langhaarigen Typen gegenüber.
Wer waren die Typen? Ricos Freunde hatte sie im Lauf ihres Zusammenseins alle kennengelernt.
»Was ist das hier?« Sie fühlte sich in die Rolle der nörgelnden Mutter gedrängt. Aber sie hasste es, wenn Rico fremde Menschen in ihre Wohnung brachte. Vor allem heute hätte sie sein Verständnis gebraucht.
»Nach was sieht’s denn aus?« Die Stimme des Rothaarigen, der neben Rico saß, klang verwaschen. »Wir zocken ein wenig rum und haben Spaß, zumindest hatten wir ihn, bis du hier einen auf Zicke gemacht hast.«
»Ich mache nicht auf Zicke, aber Rico hat eine wichtige Prüfung und soll lernen. Also wäre es gut, wenn ihr nach Hause ginget.«
»Die ist echt lustig, die Schrulle.« Der Dritte meldete sich. »Wovon spricht die? Was für ’ne Prüfung?«
Die Kerle nervten sie. Rico grinste weiterhin dämlich vor sich hin.
»Rico ist Student und steht kurz vor dem Abschluss.« Christine trat nun näher und roch den Alkohol in der Luft. »Und ihr haltet ihn vom Lernen ab.«
Jetzt brachen die drei in gackerndes Gelächter aus.
»Ich wette, unser Rico weiß nicht mal, wo die Uni is’.« Der Rote schlug sich auf die Schenkel. »Wozu auch, er hat ja ’ne Kuh, die er melken kann.«
Christine wurde schlagartig schlecht. Es war, als würde auf einmal der Vorhang von etwas herabgerissen, das ihr bis jetzt verborgen gewesen war. Rico ließ sich von ihr aushalten. Wohnte bei ihr, lebte von ihr, lullte sie ein – und sie hatte es nicht bemerkt.
»Du studierst nicht? Machst keine Prüfung? Alles gelogen?« Fassungslos starrte sie ihren Freund an.
Endlich kam eine Reaktion von ihm. »Warum bist du früher heimgekommen?« Er stand auf und kam auf sie zu.
»Damit ich vielleicht mal kapiere, was du aufführst?« Sie schüttelte den Kopf, wie dumm, blind und naiv sie gewesen war.
»Jetzt komm runter, Chrissyschatz.« Seine leicht lallende Stimme gab ihr den Rest. Sie sah rot.
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