Die Chemie unserer Herzen – Ein Schluck Liebe 3

Die Chemie unserer HerzenEin Schluck Liebe 3

Die Chemie unserer Herzen ist der dritte Teil der Ein-Schluck-Liebe-Reihe. Emotionsgeladen, mitreißend, idyllisch.

Jacqueline „Jackie“ Schluck, die Chemikerin im Familienunternehmen Schluck-Säfte verbringt ihre Freizeit auf dem Dachboden der Villa, um Dokumente ihrer Ahnen zu durchforsten. Sie ist besessen davon, einen Vermisstenfall in der Familie aufzuklären, der seit 1890 ein Rätsel darstellt. Als Jackie nicht weiterkommt, fährt sie zum Landesarchiv in Jork und staunt nicht schlecht: Ihr Ex-Freund Kai, der sie vor Jahren mit einer Klassenkameradin betrogen hat, arbeitet nun als Historiker und Archivar dort.
Trotz der damals unschönen Trennung ist die Anziehungskraft zwischen Jackie und Kai ungebrochen. Sie kommen sich erneut näher, doch Jackie kann ihm einfach nicht verzeihen.
Zur gleichen Zeit steht erneut das Schicksal des Familienunternehmens Schluck-Säfte auf dem Spiel. Halbschwester Cynthia erhebt Anspruch auf das Erbe ihres Großvaters.

 

Leseprobe:

Jacqueline ‒ 1. Januar 2020

Jacqueline saß im Schneidersitz auf dem Dachboden. Das Licht fiel durch das schmale Fenster, Eiskristalle auf der Scheibe leuchteten im blassen Sonnenlicht. Es war kalt hier oben, furchtbar kalt. Die Atemluft hinterließ eine weiße Wolke vor ihrem Gesicht. Anfang Januar war das nicht anders zu erwarten, doch sie sortierte wieder Material ihrer Ahnen, das sie mit hinunternehmen wollte. Unter ihren Wollhandschuhen wurden ihre Finger langsam zu Eiszapfen. Gehüllt in ihre wärmste Daunenjacke und die Wollmütze tief über die Stirn gezogen hockte sie auf einem Kissen, das jedoch nur unzureichend Schutz vor der Kälte des grob gezimmerten Holzbodens bot.
Ihre Familie konnte ihre Obsession nicht verstehen. Doch seit sie ein Foto von Edwin und Anna Schluck gefunden hatte, das an deren Hochzeitstag am 2. August 1884 gemacht worden war, ließ sie die Faszination nicht los. Vom ersten Augenblick an spürte sie eine Verbindung, die sie sich nicht erklären konnte. Anna Schluck sah ihr tatsächlich ein wenig ähnlich, die Nasenform und die Augenpartie, aber es war der leicht melancholische Blick, der sie am meisten berührte.
Das Paar erschien ihr unterschiedlich, voller Gegensätze. Erst mal der Altersunterschied, Edwin war fünfundzwanzig Jahre älter als seine Braut gewesen, auf dem Bild wirkte er noch älter als die dreiundvierzig Jahre, die er bei seiner Hochzeit zählte. Anna daneben sah blutjung aus, zart, fast kindlich, sie war gerade achtzehn geworden. Edwins schroffe kantigen Gesichtszüge wurden durch sein dunkles Haar verstärkt. Annas Haar dagegen war hell, gezopft um den Kopf gelegt. Sie sahen beide ernst in die Kamera, Edwin im Hochzeitsanzug der damaligen Zeit: Kniebundhose, Leinenhemd, hochgeschlossene Weste aus Brokat mit auffällig verzierten Knöpfen. Anna trug eine schwarze Jacke über der weißen Bluse, eine mehrreihige Perlenkette und eine Haube mit bunten Mützenbändern. Jacqueline hoffte, dass die Kleidung eventuell noch in irgendeiner der Kisten zu finden war.
Ihre Ahnen standen nebeneinander, blickten ernst in die Kamera. Früher musste man regungslos stehen, damit ein Foto gelingen konnte. Auf dem Bild war nicht zu erkennen, ob die beiden glücklich waren oder nicht.
Jackie studierte es aufmerksam. Sah Edwin aus wie ein Mörder? Sie musste lachen. Als ob man es einem Mörder ansah!
Dann nahm sie ein späteres Bild zur Hand. Anna mit ihrem Sohn Leopold aus dem Jahr 1888. Der Junge musste etwa drei Jahre alt gewesen sein. Aber der Unterschied zum Hochzeitsbild war frappant: Anna strahlte förmlich. Auch auf diesem Bild sah sie zwar ernst in die Kamera, das Kind auf ihrem Schoß, doch jede Melancholie schien verschwunden.
»Ich hätte dich gern kennengelernt«, murmelte sie. »Und ich bin überzeugt, dass du deinen Mann nicht verlassen hast. Du hast deinen Mann geliebt.«
Was tat sie da? Sprach mit einer alten Fotografie.

»Jackie! Bist du wieder hier oben?« Lilly, ihre jüngere Schwester, steckte den Kopf durch die Dachbodenluke, die weiße Wolke ihrer Atemluft verdeckte kurz ihr Gesicht.
Sie war die Einzige in der Familie, die Jacquelines Leidenschaft ein wenig verstehen konnte. Nein, nicht nur sie. Auch Oma Johanna unterstützte sie tatkräftig. Allerdings würde es noch einige Zeit brauchen, ehe sie all die Kisten hier untersucht hätten.
Lillys langes Haar war schwarz gefärbt, das betonte ihre blasse Haut. »Hast du was Neues?«
»Ich schaue alte Briefe durch. Ist eine echte Fundgrube.«
Nun kletterte Lilly vollends herauf und trat zu ihr. »Ich habe gedacht, du suchst Beweise dafür, dass unser Urgroßvater davon gewusst hat, dass Onkel Rudolph überlebt hat?«
Mit dem Ellbogen schob sich Jacqueline eine Haarsträhne aus der Stirn. »Na ja, ich arbeite mich der Reihe nach konsequent durch die Kisten. Bringt ja nichts, wenn ich alles durchwühle und durcheinanderbringe.«
»Aber der Anspruch von Cynthia muss so rasch wie möglich abgeklärt sein, sagt Papa.« Lilly zog eine Schnute. »So wie die sich aufgeführt haben, würde ich denen keinen Cent geben. Weißt du, was das für ein Schock war? Ich komme vom Handballtraining nach Hause und die Polizei steht da?«
Jacqueline war nicht dabei gewesen. Offenbar war ein unangemeldeter Besuch von Cynthia, deren Mann Robert und Sohn Logan in der Villa Schluck in einen gewaltigen Streit ausgeartet. Die beiden Männer waren handgreiflich geworden und eine Vase war zu Bruch gegangen.
»Ja, Stefanie hat mir alles erzählt. Logan hat tatsächlich die Polizei angerufen. Zum Glück kannte Papa den Polizeiobermeister, sonst wäre es womöglich noch zu einer Anzeige gekommen.«
»Danach sind sie ziemlich rasch abgereist. Offenbar ging es Cynthias Mann nicht so gut.« Lilly klang nicht so, als würde sie diesen Umstand bedauern. »Seither ist Funkstille.«
»Papa macht sich natürlich trotzdem Gedanken.« Jackie wusste, wie wichtig es ihrem Vater trotzdem war, abzuklären, ob ihr Urgroßvater von der Existenz seines überlebenden Sohnes gewusst haben könnte. »Ich denke, dass Leopold überzeugt war, dass Rudolph im Krieg umgekommen ist. Andernfalls hätte er ihn im Testament erwähnt. Ihn enterbt oder so.«
»Oder er hat gedacht, Amerika ist weit weg, der kommt ohnehin nicht zurück.« Lilly kicherte. »Damals fuhr man noch mit dem Schiff dahin!«
»Stimmt auch. Julian meint ohnehin, dass das Ganze völlig belanglos ist und nach den vielen Jahren keinerlei Erbanspruch besteht. Zudem käme auch die Höfeordnung zum Tragen, da erbt ein Sohn alles und der andere bekommt eine Entschädigung, die aber nicht so hoch ist, dass der Hof verkauft werden muss.« Sie fand es ganz praktisch, einen Bruder zu haben, der Jura studierte.
»Aber es geht doch auch um die Fabrik, Jackie.«
»Das würde da hineinfallen, meint Julian. Es ist ohnehin eher ein moralisches als ein juristisches Problem, du weißt, wie zuwider es Papa ist, wenn jemand betrogen wird.«
»Ich glaube nicht, dass unsere Tante noch was bekommen wird. Leopold ist 1965 gestorben, das war vor fünfundfünfzig Jahren.« Lilly schüttelte den Kopf. »Nein, kein Gericht der Welt würde Cynthia einen Cent geben.«
»Ich habe gelesen, dass sogar Leichen exhumiert werden, um DNA zu nehmen. Da werden sehr wohl posthum Erbansprüche gestellt.«
»Erbberechtigt wäre Rudolph damals gewesen, daran zweifelt niemand. Cynthia ist seine Tochter. Julian hat gesagt, dass es unter gewissen Voraussetzungen möglich wäre, dass ihr Anspruch anerkannt werden könnte«, beharrte Lilly.
»Richtig: unter gewissen Voraussetzungen! Julian soll erst mal sein Studium zu Ende bringen.«
Lilly lachte. »Gerade vorhin hast du seine Kompetenz nicht angezweifelt.« Ihre Augen wurden groß. Sie deutete auf etwas hinter Jacqueline. »Was ist denn das?«
»Habe ich unter einer alten Decke gefunden. Die Brauttruhe unserer Ururgroßmutter Anna. Ist sie nicht wunderschön?«
»Wirklich? Ist ja der Hammer!«
»Ja. Edwin Schluck hat kein zweites Mal geheiratet. So ist das tolle Stück in unserer Familie geblieben.«
Lilly ging hin und strich sanft über die Holzschnitzereien der dunklen Truhe. »Kaum zu glauben, was sich die Leute früher für Mühe gegeben haben. Was tat man da damals hinein?«
»Die Aussteuer der Braut. Wäsche, vor allem Bettwäsche, Tischdecken und Vorhänge. Die Mädchen stickten und nähten während ihrer gesamten Jugendzeit, damit sie am Tag der Hochzeit die Truhe füllen konnten.«
»Boah, das könnte ich nie.«
»Du willst ohnehin nicht heiraten.«
»Ist nicht geplant. Zum Glück muss eine Frau nicht mehr zwangsläufig heiraten. Was war denn jetzt drin?«
»Bin noch nicht durch. Bücher, Mappen und jede Menge Papier. Muss erst schauen, was zu gebrauchen ist.« Jacqueline stand auf und strich nun ebenfalls über das alte Holz. »Eine wertvolle Schnitzarbeit. Ich muss mit Papa reden, ob wir sie dem Museum spendieren. Ist doch schade, wenn sie da auf dem Dachboden verrottet.«
»Oder ich stelle sie in mein Zimmer.«
Jacqueline sah ihre Schwester überrascht an. »Echt jetzt? Sie ist doch relativ groß.«
»Sie gefällt mir. Und ich kann einiges drin verstauen.« Lilly rieb mit beiden Händen über ihre Oberarme. »Puh, ist das kalt hier.« Dann grinste sie. »Schließlich müssen wir alles retten, bevor es die gierige Tante in die Finger kriegt.«
Jacqueline seufzte. Die letzte Begegnung mit Cynthia Young-Schluck, die einzige nach der Fast-Schlägerei, war ein Desaster gewesen, von Freundlichkeit war keine Rede mehr. Vor allem Robert, Cynthias Mann, war erneut aggressiv geworden. »Ihr sitzt da auf einem Haufen Geld. Schämt ihr euch nicht, uns den rechtmäßigen Anteil vorzuenthalten?«
Die Halbschwester ihres Vaters war zwar über Weihnachten wieder in die USA zurückgekehrt, es bestand aber kein Zweifel, dass sie nicht ruhen würde, bis sie den ihr vermeintlich zustehenden Teil des Erbes erhalten hätte. Spätestens Mitte Januar würde sie wiederkommen.
»Es wird schwierig werden, angeblich haben sie Briefe, die beweisen sollen, dass Rudolph seinem Vater geschrieben hat. Und nach dessen Tod an seinen Bruder Karl, in denen er Erbanspruch erhebt.«
»Weshalb hat er es nicht weiterverfolgt?« Lilly zog die Nase kraus. »Es riecht für mich einfach nach Betrug.«
»Mag sein. Aber wenn sie beweisen können, dass Rudolphs Rechte damals absichtlich ignoriert worden sind, dann könnten sie durchaus Erfolg haben.«
»Warum ist Rudolph nicht am Ball geblieben? Ich meine, er hätte es doch leichter gehabt, seine Ansprüche durchzusetzen, als jetzt seine Tochter nach so vielen Jahren.«
»Das weiß ich leider auch nicht. Am besten du fragst Julian. Oder Gundi.« Alexanders Freundin war Anwältin und arbeitete ausgerechnet in jener Anwaltskanzlei, die Cynthia vertrat. »Sie darf ja nichts Konkretes über die Sache weitersagen, aber ich nehme an, diese Auskunft ist allgemein.«
»Lilly«, ertönte Stefanies Stimme von unten. »Wo bleibt ihr?«
»Komme«, rief Lilly und tippte sich an den Kopf. »Deswegen bin ich ja heraufgekommen. Mama hat mich gebeten, dich zum Essen zu holen. Christine und Philipp sind auch schon da.«
»Klar.« Jacqueline stand auf und klopfte sich den Staub von der Kleidung.
Für den Neujahrstag hatte Stefanie, ihre Stiefmutter, die gesamte Familie eingeladen. Seit dem Herzinfarkt von Jackies Vater gab es fast jeden Samstag.

Details zum Buch

Erhältlich als eBook, Taschenbuch und gebundene Ausgabe

Verlag: Empire Verlag

350 Seiten (Taschenbuch-Ausgabe)

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